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Uli Hagemeier ist Redaktionsleiter der Allgäuer Zeitung in Kempten. Er versteht die Herausforderungen einer Tageszeitung und erklärt, wie die Mediennutzung von Lesern einem ständigen Wandel unterworfen ist. Um diesen Wandel mitzugehen, wirkte er aktiv von der Idee bis zur Umsetzung unserer Abendausgabe mit.

Die Welt der Nachrichten ist schnell. Was eben noch als sicher galt, kann wenige Stunden später schon wieder überholt sein. Die letzten Wahlen in den USA haben uns das einmal mehr deutlich vor Augen geführt. Dabei ist gerade die Schnelligkeit des Internets eine Herausforderung für andere Medien – besonders für die Tageszeitung. „Wir haben deshalb schon vor längerer Zeit damit angefangen, den Abonnenten bereits am Abend 20 bis 25 Artikel der nächsten Ausgabe zur Verfügung zu stellen“, erklärt Uli Hagemeier, Redaktionsleiter der Allgäuer Zeitung in Kempten. Das Ziel dabei war klar: die Qualität des Zeitungsjournalismus mit der Aktualität digitaler Medien zu verbinden. Die positive Leserresonanz bestärkte die Redaktion schließlich, hier noch einen Schritt weiterzugehen. So entstand die Idee zur digitalen Abendausgabe der Allgäuer Zeitung. Allerdings galt es dabei eine besondere Herausforderung zu meistern.

Die Mediennutzung hat sich verändert „Die Leser der Allgäuer Zeitung haben immer wieder angemerkt, dass sie Themen aus dem Mantelteil der Zeitung bereits aus der Tagesschau kennen“, sagt Uli Hagemeier. „Deshalb war uns klar, dass die Abendausgabe vor der Tagesschau erscheinen muss.“ Und das ist gelungen. Heute erscheint fast die komplette Zeitung 30 Minuten vor der Tagesschau. Damit hat man aber nicht nur einen großen Schritt in Richtung mehr Aktualität gemacht, sondern auch auf einen Trend reagiert, der schon länger erkennbar ist. „Die Mediennutzung hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Es gibt immer mehr Leute, die zwei Medien parallel nutzen“, erklärt Hagemeier. Der hier angesprochene Trend zum sogenannten „Second Screen“ geht so auch an der Tageszeitung nicht vorbei. So schauen Leser die Tagesschau und scrollen parallel dazu auf ihrem Handy oder Tablet durch die Abendausgabe der Allgäuer Zeitung. Die Zeitung ist für viele kein Medium mehr, das nur morgens am Frühstückstisch gelesen wird. Das zeigte sich insbesondere an den hohen Zugriffszahlen der einzelnen Artikel, die den Abonnenten des E-Papers am Vorabend zur Verfügung gestellt wurden. Auch für die Zeitungsredaktion ist die Abendausgabe ein hilfreiches Instrument. „Bereits am Abend kommen schon häufig Reaktionen auf Artikel. Zudem ist es eine sehr interessante Zielgruppe, die die Abendausgabe liest“, erläutert der Redaktionsleiter. Es seien viele Politiker und andere Entscheider darunter, und die würden dann auch auf die Abendausgabe reagieren.

Schnelle Umsetzung und neue Arbeitsabläufe Von der Entscheidung, die Abendausgabe einzuführen, bis zu deren ersten Erscheinen vergingen nur wenige Monate. Einen großen Anteil an dieser schnellen und erfolgreichen Umsetzung hatten die Kollegen und Kolleginnen der Technik. „Damit wir die Abendausgabe starten konnten, mussten einige Arbeitsschritte geändert werden“, erklärt Bettina Geisenberger vom Workflow-Management in Kempten. Einen wesentlichen Beitrag leisteten dabei die Augsburger Kollegen, deren Arti-kel rechtzeitig in Kempten vorliegen mussten. Darüber hinaus gab es vornehmlich technische Anpassungen. Als Hürde entpuppten sich die Platzhaltertexte, die bis zum Druck in der Printausgabe anstelle der Artikel eingefügt werden. Diese mussten für die Abendausgabe herausgefiltert werden – und das war schwieriger als gedacht. Darüber hinaus galt es, die Abendausgabe im Digi-Admin anzulegen und sicherzustellen, dass Werbebeilagen nicht in der Abendausgabe auftauchten. Letzteres hat vornehmlich rechtliche Gründe. Insgesamt aber sei die Einführung der Abendausgabe kein Problem gewesen, erläutert Bettina Geisenberger. Für die Redaktion in Kempten änderte sich hingegen einiges. Hatte man vor der Abendausgabe Zeit bis zum Andruck um 21 Uhr, um den eigenen Artikel fertigzustellen, sollen die Artikel jetzt bereits um 18 Uhr vorliegen. „98 Prozent der Artikel sind um diese Zeit auch fertig“, erklärt Uli Hagemeier. Darüber hinaus findet die Themenplanung jetzt früher statt und man legt den redaktionellen Blick verstärkt auf den jeweils übernächsten Erscheinungstag. Auch bei den Konferenzen wird haupt-sächlich nach vorne geschaut: auf das, was kommt, nicht, was war. Dabei geben die Zugriffszahlen auf das E-Paper wichtige Hinweise darauf, was gut ankommt und wo es noch hakt. So sei man noch näher an den Lesern dran. „Mit der Printaus-gabe, dem E-Paper, der permanent aktualisierten Plattform allgäuer-zeitung.de und der Abendausgabe sind unsere Leser jetzt wirklich zeitnah und umfassend informiert. Viel enger kann man das Netz nicht ziehen“, erläutert Uli Hagemeier zum Abschluss. TEXT Christian Mörken | FOTO Ralf Lienert